Aktiver und Passiver Wortschatz

Ist Sprache analytisch?

Eine Frage an Dich: Kennst Du den Unterschied zwischen dem aktiven und dem passiven Wortschatz?

Du hast eine Ahnung stimmt’s? Vielleicht sowas wie:
„Der aktive Wortschatz meint die Wörter, die ich sprechen kann und der passive Wortschatz dagegen meint die Vokabeln, die ich erkennen oder verstehen kann. Der passive (bzw. rezeptive) Wortschatz stellt gemeinsam mit dem aktiven (bzw. produktiven) Wortschatz mein persönliches Gesamtvokabular dar.“

Klingt schon mal nicht schlecht!

 

Aktiver und passiver Wortschatz: Das sagt Jonas dazu!

Yey. Ja, so lernt man es in der Schule, in Sprachkursen und Sprachlernangeboten.
Aber ich gebe Dir dafür leider den Zonk (ein neues Wort für Deinen Wortschatz?). Glaubst Du denn wirklich, dass Dein Wortschatz aus einzelnen zusammenhangslosen Vokabeln besteht?

„Naja gut,“ denkst Du jetzt, „wir haben ja noch die Grammatik, die dann was mit den Vokabeln macht, sodass die Sätze Sinn ergeben.“

Damit wäre Sprache was sehr analytisches. Ist sie das?

Wo liegen der aktive und passive Wortschatz im Gehirn?

Ich stelle mir gerade Dein Gehirn vor: dort ist irgendwo zwischen dem Broca- und dem Wernicke-Areal eine große, gut sortierte Vokabelliste (ich nenne die einfach mal spontan Gyrus temporalis medius). Hier schreiben sich Deine Synapsen alles fleißig auf, vom ersten >Mama< bis hin zu >Zonk<. Auf diese Listen greifen dann Dein Frontal- oder Dein Temporallappen zurück, wenn Du sprechen (aktiver Wortschatz) oder verstehen willst (passiver Wortschatz).

Das Ganze folgt natürlich bestimmten Regeln – hallo Grammatik. Wenn Du sprichst, hängst Du also einfach Vokabeln aneinander, konjugierst ein bisschen hier, deklinierst ein bisschen da und schwuppdiwupp hast Du einen verständlichen Satz produziert (damit Du zuhause angeben kannst: die Forschung nennt das generative Grammatik). Ähnlich, wie auch ein Computer funktioniert.

Das klingt plausibel oder? Punkt für Dich? Warte nur, denn jetzt komme ich!

Ich behaupte, Du unterschätzt Dein Gehirn. Und Du unterschätzt die Sprache.
Sie ist weit mehr als ein plump generierter Code. Sie ist dynamischer, flexibler und kreativer.
Dein passiver Wortschatz ist keine einfache oder starre Vokabelliste, die abgerufen wird.
In der Konversations- und Interaktionslinguistik gehen wir davon aus, dass sich Dein aktiver und Dein passiver Wortschatz an sogenannten Skripten und Frames bedienen.

Bist Du beispielsweise in einem Restaurant, ruft Dein Hirn das Restaurant-Skript ab. Vereinfacht dargestellt: in Deinem umfangreichen Fundus an Formulierungen und Sätzen treten die hervor, die mit dem Hashtag #restaurant gekennzeichnet sind.

Deshalb versteht jeder den ungrammatischen Satz „Die Rechnung, bitte!“ obwohl er eben gegen die erlernte Grammatik verstößt. Würdest Du jedoch der Bedienung den grammatischen – also korrekten – Satz „Die Türen schließen selbstständig!“ entgegenwerfen, der man gemeinhin dem Skript #bahnfahren zuordnet, würden sicher alle Gäste samt Belegschaft irritiert in Deine Richtung starren.

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Wie hast Du als Kind Deinen passiven Wortschatz aufgebaut?

Vermutlich haben Deine Eltern Dir nicht einfach Vokabellisten vorgetragen und Grammatikregeln vermittelt.

Natürlich hast Du zu Beginn nur Einwortsätze produzieren können, das bedeutet aber nicht, dass Du bereits ganze Sätze und Ausdrücke in Deinem passiven Wortschatz abgespeichert hast. Denn das hast Du.

Ich gebe Dir noch ein Beispiel dazu. Als Du klein warst, hast Du sicher irgendwann einmal so etwas gesagt wie „dada“. Nun könnte man meinen, es sei Deine erste Vokabel.
Viel wahrscheinlicher ist jedoch: Es ist bereits ein vollständiger Satz.
In Deinem „dada“ könnte zum Beispiel eigentlich stecken „Da ist ein Hund“.
Denn Dein passiver Wortschatz kennt diesen Ausdruck bereits. Nur Dein aktiver Wortschatz hängt etwas hinterher und kann daher einfach nur ein „dada“ hervorbringen (zumal anatomisch noch gar nicht alle Laute von Dir produziert werden können).

Mehr zum kindlichen Spracherwerb findest Du in unserem Artikel zur Spracherwerbsforschung.

Du hast also tatsächlich nicht einzelne Vokabeln erlernt und danach grammatikalische Regeln erworben. Du hast feste Formulierungen anhand von Skripten erlernt und daraus intuitiv das grammatische System abgeleitet.

Korrekturen und Reparaturen im passiven Wortschatz

Dafür sprechen auch die Korrekturen (wir nennen sie liebevoll Reparaturen). Würden Dein aktiver und passiver Wortschatz lediglich auf starre Listen oder Regelsystemen aufbauen, müsste Dein Gehirn im Gespräch mit Meister Yoda „Das Haus groß ist“ eine Fehlermeldung ausgeben: Error 404 – Page not found. Du weißt jedoch, was gemeint ist. Es gibt keine Fehlermeldung. Zwei Gründe könnten hier vorliegen:

  1. Du reparierst den Satz anhand der grammatischen Regeln. Ein hoher kognitiver Aufwand, sage ich Dir. Denn Du müsstest anhand der Regel ableiten, ob es sich um einen Aussagesatz oder Fragesatz handelt und dann das Verb an seinen korrekten Platz schieben.
  2. Du gleichst den Satz anhand Deines erlernten Frames ab, eine Reparatur findet hier nicht in Form einer Korrektur statt, sondern in einer Erweiterung. Anhand von Intonation, Situation und Kontext wirst Du genau wissen, was Yoda Dir sagen will.

Ein ähnliches Phänomen tritt auch bei ganz alltäglichen Gesprächen auf. Schau’ Dir einfach mal Transkripte von Gesprächen aus dem Alltag an: Dort wirst Du sehen, dass wir in der Interaktion meist mehr ungrammatische Sätze von uns geben, als grammatikalisch korrekte.
Und dennoch verstehen wir einander.

Deinen aktiven und passiven Wortschatz in Balance bringen

Vielleicht ist Dir das auch schon einmal passiert: Im Urlaub lauscht Du einem Gespräch zweier Einheimischer und tatsächlich verstehst Du hier und da einige Passagen und kannst Dir so den Gesprächsinhalt erschließen. Wow, denkst Du. Ich bin ja doch ziemlich fit.
Begeistert fasst Du Dir bei der nächsten Gelegenheit ein Herz und möchtest Deine Sprachkenntnisse unter Beweis stellen: aber plötzlich fallen Dir nur noch die Übersetzungen zu >Hallo< und >Danke< ein. Denn genau wie in unserer Muttersprache, gibt es auch beim Erlernen bzw. Sprechen einer Fremdsprache aktive und passive Wortschätze.

Kleinkinder stehen zu Beginn des Spracherwerbs vor einem ähnlichen Problem. Aber in ihnen ist genug Neugier und der Wille zur Kommunikation, dass sie diese Hürde leicht nehmen können.

Bei älteren Sprecherinnen und Sprechern setzen dann die Selbstzweifel ein und die Unsicherheit meldet sich: “Ich verstehe Englisch sehr gut, aber spreche es nicht so gern”. Diese Schüchternheit wurde Dir aber auch sicher in der Schulzeit hervorragend beigebracht: dort geht es darum, korrekte Sätze zu sprechen (wie Du oben gelesen hast ist dieser Ansatz eigentlich komplett weltfremd).

Viel mehr solltest Du gestärkt werden, überhaupt zu sprechen: und wenn es mit Händen und Füßen ist, stotternd, brabbelnd oder mit deutschem Akzent – total egal! Hauptsache Du trainierst aktiv sowie passiv die zu erlernende Fremdsprache.

Mit Jicki kannst Du genau das überwinden: durch die Betonung des Sprachgefühls entwickelst Du ein Gefühl für die Fremdsprache. Neben einzelnen Vokabeln, lernst Du feststehende Formulierungen und damit Skripte, aus denen Du Dir bald leicht das grammatische System eigenständig und intuitiv erwirbst. Jicki pusht Deinen passiven Wortschatz zu Beginn und zieht den aktiven Wortschatz nach, sodass sich beide in einer harmonischen Balance befinden.

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Fragen und Antworten zum Thema Aktiver und Passiver Wortschatz

🔎 Was ist aktiver und passiver Wortschatz?

Unter dem aktiven oder auch produktiven Wortschatz versteht man die Wörter, die Du bewusst abrufen und sprechen kannst. 

Der passive oder rezeptive Wortschatz bezeichnet solche Vokabeln, die Du erkennen oder verstehen kannst, jedoch nicht abrufen, wenn Du sie verwenden willst.

💬 Wie groß ist der durchschnittliche Wortschatz eines Erwachsenen?

Der durchschnittliche Wortschatz eines Erwachsenen ist von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Man geht aber davon aus, dass die deutsche Sprache z. B. über weniger Vokabeln verfügt als die englische. So soll schätzungsweise ein gebildeter Sprecher des Deutschen auf etwa 4000 bis 10.000 Wörter zurückgreifen. Um sich im Alltag gut verständigen zu können, reichen um die 1000 Wörter aus. Da alle Sprachen aber einem ständigen Wandel unterliegen sind solche Schätzungen sehr ungenau. 

⛱ Wie groß muss mein Wortschatz für den Urlaub sein?

Das kommt natürlich ganz auf die Sprache an, mit der Du Dich im Urlaub verständigen möchtest. Aber da in den meisten Ländern viele Menschen Englisch verstehen und auch sprechen können, ist es nur von Vorteil wenn Du Deine Englischkenntnisse verbessert. 

Als Englisch Anfänger mit einem Wortschatz von 500 – 1.000 Vokabeln kannst Du Dir etwas zu Essen bestellen, nach dem Weg fragen und kannst einfache Dinge im Hotel oder beim Arzt klären. Zum Englisch-Basis Kurs von Jicki 

Als Englisch Fortgeschrittener mit einem Wortschatz von 1.000 – 2.500 Vokabeln kannst Du auch schon tiefergehende Gespräche führen und kommst so leichter mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Dadurch entdeckst Du häufig Orte, die “normale Touristen” in ihrem Urlaub nicht zu sehen bekommen. Zum Englisch-Aufbau Kurs von Jicki

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Helge Straube
Helge Straube

Seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema, wie Lernen wirklich funktioniert und denke dabei oftmals um zwei Ecken. Diese Erfahrungen und „Ecken“ möchte ich weitergeben.